Die Meistermannfenster

Gnadenströme und Seligpreisungen
Die Renovierung in den Jahren 2002 bis 2004 hat einer Besonderheit der Lutherkirche zu neuem Glanz und neuer Geltung verholfen: den von Georg Meistermann um 1954 entworfenen Glasfenstern.
Der Künstler wurde 1911 als Sohn eines Schuhmachers in Solingen geboren. Schon mit 14 Jahren war er sich über zwei Dinge im Klaren: Er wollte Künstler werden und er wollte der Sache Gottes dienen. Er studierte dann an der Kunstakademie in Düsseldorf, erhielt aber bereits 1933 wegen „entarteter Kunst“ ein Studier- und Ausstellungsverbot. 1944 wurden fast alle seine bisherigen Werke durch Kriegseinwirkung zerstört. Nach dem Krieg machte er sich insbesondere durch seine Glasfenster bald einen Namen. Von 1953 bis 1955 war er Dozent an der Städelschule in Frankfurt. In dieser Zeit entstanden auch die Entwürfe für die FensteVon den Fenstern in der Lutherkirche sind die Rundfenster zu beiden Seiten des Kirchenschiffs farblich und von den Motiven her am stärksten ausgestaltet.
Als Thema liegen ihnen die Seligpreisungen aus Matthäus 5, 3-10 zu Grunde.
Auf der linken Seite findet man von vorne nach hinten betrachtet:
Selig sind, die da geistlich arm sind,
denn das Himmelreich ist ihr.
In der Mitte des Fensters sind in zurückhaltenden Farben ein Anker,
rechts ein Kreuz
und links ein Kelch mit einem teils rot gefärbten Tropfen zu sehen.
Den offenen Kelch, der den Tropfen empfängt, können wir als Symbol sehen,
für die Haltung, die dem geistlich arm sein entspricht: offen sein für die Gnade Gottes.
Das Tropfenmotiv können wir in mehreren Fenstern der Lutherkirche erkennen und als Symbol für Gnade deuten.
Selig sind die Sanftmütigen,
denn sie werden das Erdreich besitzen.
In Türkis, gelb und weiß erkennt man ein mit einer Kette gebundenes Schwert
und eine darüber schwebende Krone.
Sanftmut wird hier als der sanfte Mut gedeutet, der das Schwert mit der Kette bindet und damit Gewalt verhindert.
Selig sind, die reinen Herzens sind,
denn sie werden Gott schauen.
Ein ganzes Bündel senkrecht aufstrebender Kerzen mit weißen Flammen gibt einen Eindruck von Reinheit und Licht.
Das reine Herz interpretiert der Künstler hier als ein vor Liebe brennendes Herz.
Selig sind die Barmherzigen,
denn sie werden Barmherzigkeit erlangen.
Aus tiefroten und -violetten Flammen ragt weiß eine Hand heraus, in deren Mitte ein gelber Tropfen zu sehen ist – Bilder von Not und Hilfe begegnen sich.
Der gelbe Tropfen erinnert an die drei gelben Tropfen im Fenster der Kapelle,
hinter dem Bildnis des gekreuzigten Christus.
Im Rundfenster könnte der gelbe Tropfen in der Hand ein Hinweis auf die Wundmale Christi sein.
Die jeweils letzten Rundfenster auf beiden Seiten der Empore tragen den Titel: Amen.
Sie zeigen auf beiden Seiten der Kirche das gleiche Motiv, ein Kreuz. Es ist keiner Seligpreisung zugeordnet. Es setzt mit seinem Rahmen in blau und gelb einen ruhigen Schlusspunkt.
Betrachtet man nicht nur die Motive, sondern auch das „Drumherum“, so findet man in allen Rundfenstern dieselbe waagrechte Wellenbewegung, jeweils in zwei Farben. Diese sind nach klaren Regeln angeordnet: Grün in den vorderen beiden Fenstern, Blau in den beiden hinteren, rot in den mittleren, und Gelb in jedem zweiten. Es lohnt sich, die Farben einmal länger auf sich wirken zu lassen und nachzuspüren, ob die entsprechende Stimmung etwas mit dem Inhalt der zugehörigen Seligpreisung zu tun hat.
Dieselbe Farbanordnung findet man auch in den Fenstern auf der rechten Seite. Hier die entsprechenden Verse, wieder von vorne nach hinten betrachtet:

Selig sind, die um Gerechtigkeit willen
verfolgt werden,
denn das Himmelreich ist ihr.
Zu sehen sind ein waagrecht liegendes Schwert, darunter mehrere rote Tropfen,
die wie aufgefangen werden von einem goldenen Schlüssel, dem Schlüssel zum Himmelreich?
Die roten Tropfen symbolisieren, die Blutstropfen derer, die im Kampf gegen Unrecht und Unmenschlichkeit, im Engagement für Gerechtigkeit und die Bewahrung des Lebens ermordet wurden.
Selig sind, die da Leid tragen,
denn sie sollen getröstet werden.
Ein türkisfarbenes Kreuz ist von einem Dornenkranz umgeben, darüber – wie auf dem gegenüberliegenden Fenster – eine Krone. Die außerdem zu erkennenden Tropfen sind unten rötlich, oben aber gelb gefärbt; noch einmal „Leid und Trost“.
Selig sind die Friedfertigen,
denn sie sollen Gottes Kinder heißen.
Zwischen zwei Vögeln (Friedenstauben?) sieht man eine große, fast durchscheinende senkrecht aufgerichtete Ähre.
Wie beim Fenster gegenüber wird auch in dieser Seligpreisung die Verbindung zu Gott direkt ausgesprochen.
Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden.
In diesem Fenster tritt die Farbe in der Mitte zu Gunsten einer Vielfalt von Motiven in den Hintergrund:
Man sieht einen Fisch, eine Traube, dahinter eine Ähre,
einen Kelch und einen weißen Kreis, der in diesem Zusammenhang an eine Oblate erinnert.
Es ist ein Bild für Fülle, für „satt werden“.

Während bei den Rundfenstern durch ihre Anordnung und die sich durch alle Fenster ziehenden waagrechten Wellenlinien die Horizontale im Vordergrund steht, wird bei den Fenstern im Altarraum schon durch ihre Form und die senkrechte Unterteilung die Vertikale stark betont. Durch die Fenster zieht sich über die gesamte Höhe ein Wellenband von oben nach unten, im unteren Teil wird es teilweise von an Wasser erinnernden Wellenlinien gekreuzt. Im oberen Teil der Fenster finden sich daneben große durchscheinende Tropfen – manche erscheinen durch mehrfache Zeichnung bewegt -, die weiter unten, „im Wasser“, einzeln und gelb leuchtend auftreten. Ihnen kommen von unten, ebenso leuchtend gelb, Fische entgegen. Für diese Fenster hatte Meistermann keine thematische Vorgabe bekommen, aber es liegt nahe, die von oben nach unten fließenden Ströme als Gnadenströme zu bezeichnen, zumal er 1969 für die Krankenhauskapelle in Wittlich die sogenannten „Gnadenstrom-Fenster“ entworfen hat, die aus denselben Wellen- und Tropfenformen komponiert sind, wenn auch in wesentlich intensiveren Farben. Steht man im Altarraum, kann man diesen Strom gut nachempfinden. Die Fenster auf beiden Seiten sind vollkommen identisch, es entsteht aber doch ein unterschiedlicher Eindruck, je nachdem ob man an der linken oder rechten Kanzel steht. Vom Kirchenraum aus ist der Unterschied noch stärker, da jeweils ein Teil der Fenster durch die dazwischenliegenden Streben verdeckt wird, so entstehen je nach Standort immer neue Bilder. Am Taufstein ist der Standort, von dem aus die Fenster im Altarraum vollständig zu sehen sind. |